Wozu braucht ihr denn noch eine Flagge?

 

Die Bi-Flagge. Neulich bei der Demo gesehen. Sich gefreut. Hingegangen. Geredet. Neue Verbündete und Freundinnen gefunden.

Die Bi-Flagge auf meinem T-Shirt. In der Parade mitlaufen. Hier und da erhellt sich ein Gesicht am Strassenrand. Daumen hoch! „Cooles Shirt!“ Allein das war es wert.

Ein Freund fragt: Was ist denn das für ne Flagge? – Die Bi-Flagge. – Ja, warum braucht ihr denn jetzt auch noch ne extra Flagge? Wo zu ist denn das gut? Reicht es nicht, dass es die Regenbogen-Fahne gibt? Und die Heteros, wieso haben die eigentlich keine?

Tja, wozu. Eine Fahne, ein Symbol, kann mehrere Funktionen erfüllen.
Erkennungszeichen. Seit vor einem Jahr hat sich die Anzal der bisexuellen Menschen die ich kenne, um einiges vervielfacht. Das liegt nicht nur an der Fahne. Aber auch. So ein Erkennungszeichen wirkt doppelt. Einmal nach innen, für eine Trägerin, Besitzerin, als phyisische Manifestation einer Tatsache. Und das ist erstmal eine ganz persönliche Sache.

Erstens: Es gibt noch mehr „solche“ wie mich. Zweitens, es ist so wichtig, dass jemand ein Symbol dafür geschaffen hat. Drittens, ich weiß, dass es dieses Symbol gibt. Viertens, ich besitze ein Exemplar davon. Das kann ich irgendwo hinlegen, hinhängen, verstecken. Ich kann es anderen zeigen oder nur mir. So wie meine Regenbogen-Fahne, ein kleiner Aufkleber, 2×3 cm groß, der ein gutes dreiviertel Jahr in meiner Handtsche rumgefahren ist, und jedes einzelne mal, wenn ich ihn gesehen hab, hab ich mich gefreut. Er ist inzwischen schwarz-bunt. Aber egal. Den behalte ich. Jedes Mal, wenn mein Blick ihn streift, wird ein unangenehmes Schweigen, ein kann-ich-das-jetzt-sagen-oder-sollte-ich-besser nicht? ausgeglichen. Ein Ja gegen die vielen Neins.

So, und jetzt die Aussenwirkung:
„Trägst du die Regenbogenflagge, weil du eine Partnerin suchst?“
Hm. Kann eins. Muss eins aber nicht. Wenn jemand eine Regebnogenflagge/-kette, Doppelaxt, Bi-Halbmonde, sonstwas trägt, kann das heißen:
– Ich bin bi/lesbisch/schwul/pan/… und suche jemanden für’s Leben/die Nacht/bin vergeben, aber zum Reden/für weißnichtwas…
– Ich bin 100% Proud member of the Homo-Lobby. Meine Schwester ist lesbisch, deshalb weiß ich was das bedeutet.
– Ich liebe Regenbögen. Regenbögen sind das christliche Sysmbol der Hoffnung.
– Wenn ich irgendwo einen Regenbogenaufkleber an den Ampelpfosten klebe, dann bedeutet das: Ich war hier. Ich, ein Regenbogen-Fan. Seht ihr das, ihr anderen? Ich möchte dass ihr es seht. Ich möchte, dass ihr euch freut, wenn ihr es seht. Ich möchte dass ihr wisst, dass ihr nicht allein seid. Und ihr anderen… Ich möcht dass ihr wisst: Wir sind mitten unter euch. Waren es schon immer, und werden es immer sein. Wir sind normal. Zugegebenermaßen sind wir nicht die Norm.

Und das ist die Erklärung, warum es diese Flaggen gibt. Und warum die Heteros ihre, die sie als zahlenmäßige Mehrheit kaum brauchen, kaum kennen.

Vielleicht ist sie auch deshalb ein bisschen lieblos schwarz-weiß. Eine davon. Eine andere hat ein Klischee-Herz. Auch keine Alleinstellungsmerkmal eigentlich.

Und es ist die Erklärung, warum es nicht HLSBTTIQA heißt, obwohl ich das um eineiges logischer finden würde.

Das ist wie wenn man von Frauenquoten spricht. Von 5 auf 20 oder 30% sollen sie hoch. Die 95% prozentige Männerquote etwas zu senken, das klingt ganz anders. Sagen aber zuwenige.

Also, merke: Ein Symbol/eine Flagge ist gut als Erkennungszeichen, um nicht allein zu sein, um Gleichgesinnte zu finden, um Spuren zu hinterlassen, um sich über Spuren zu freuen, zum Zusammenhalt. Auch zur Abgrenzung, was bei unterscheidlichen Interessenslagen durchaus sinnvoll sein kann („Bist du lesbisch?“ – „Nein, bi.“ – „Ohje, ja gut, dass ich das gesehen hab. Mit Bisexuellen hab ich nämlich ein Problem. Da denken meine Freundinnen, die meint es eh nicht ernst.“). Ausgrenzung geht dann noch eine Stufe weiter, und ist meinstens nicht so cool. Kann man mit symbolen machen, muss man aber nicht. Und man kann auch völlig unbeteiligt („nicht selbst betroffen“) sein, und eine Sache für die ein Symbol steht unterstützen. Als Selbsterfahrung sozusagen. Und um zu gucken, ob jemand reagiert. Fragt.

Alles in allem: Super und praktisch so ein Symbol. Bi-Pride!

 

 

 

 

 

Anatomisch, nicht biologisch! – Eins zu groß, eins zu klein.

…eine biologische Frau. Aha. Ausser halt im Gehirn.

Für mich ist das Gehirn als Organ, Teil des Körpers etwas biologisches. Okay, das Bewusstsein ist womöglich nicht komplett biologisch abbaubar. In letzter Zeit stolpere ich aber an vielen Ecken und Enden über den Begriff ein „biologischer“ Mann, eine „biologische“ Frau, und frage mich, ist denen die das geschrieben haben einfach der Begriff anatomisch noch nicht über den Weg gelaufen? Naja, okay, anatomisch greift auch zu kurz. Es gibt Menschen, die sind sowohl anatomisch Frauen, als auch „hormonell“ und sogar noch genetisch, was wohl wirklich nicht unter dem Begriff anatomisch zusammenzufassen ist, und empfinden sich nicht als solche. Trotzdem stört mich dieses biologisch.

Okay find ich ihn in der Kombi „bio-Mann“: Ein im Gegensatz zum Transmann „von Natur aus so gewachsener“ Mann. Da hat das ganze was von biologisch-dynamischer ökologischer Landwirtschaft. Frei von künstlich zugesetzten Hormonen. Organic Farming.

Anscheinend ist das eine zu groß, das andere zu klein. Aber andererseits geschieht die Geschlechtszuordnung ganz hauptsächlich aufgrund von anatomischen, sichtbaren Merkmalen. Deshalb find ich es treffender, auch wenn es nicht alles abdeckt.